L’Orfeo

Unser »L’Orfeo« beginnt nicht zwischen grünen Hügeln, sondern in einer Welt nach der hypothetischen Katastrophe. Die Unterwelt ist längst Teil der oberen Welt geworden. Im Mittelpunkt Orfeo, der den Lauf der Dinge manipuliert und dennoch scheitern muss …
Foto: Sabine Busch / Anna Niestroj (HKT Hamburg)
„L’Orfeo“ von Claudio Monteverdi
Ein Musiktheater-Projekt von Andreas Bode und Titus Engel.
Eine Koproduktion von Andreas Bode und Kampnagel Hamburg.
Der »Orfeo« von Andreas Bode und Titus Engel beginnt nicht zwischen grünen Hügeln, um sich schließlich in das Abseitige der Welt zu wagen, sondern in einer Welt nach der hypothetischen Katastrophe, durch die die Unterwelt längst ein Teil der oberen Welt geworden ist. Das barocke Libretto wird aktuellen Prosatexten gegenübergestellt, die Partitur auf ihren Kern reduziert und mit zeitgenössischen Mitteln klanglich und harmonisch ergänzt. Wie auch in den vorangegangenen Produktionen stehen die Sänger als Darsteller im Vordergrund.
Andreas Bode über seine Inszenierung von Monteverdis „L‘ Orfeo“:
Nicht so sehr die Fabel des Opheus Mythos, sondern die spezifische Qualität von Monteverdis Werk steht bei unserer Interpretation von „L’Orfeo“ im Mittelpunkt.
„L’Orfeo“ gilt als die frühste überlieferte Oper, geschrieben 30 Jahre, bevor das erste Operntheater gebaut wurde. Sie ist also keine Oper im heutigen, durch das Musiktheater Mozarts und die Romantik geprägten Sinne, sondern das Produkt der theoretischen Arbeit der „Florentiner Camerata“, eines Gelehrtenkreises, der sich zum Ziel gesetzt hatte, die Aufführungspraxis des Antiken Theaters zu rekonstruieren. Das Werk trägt zwei wesentliche Charakterzüge: Zum einen dominiert die architektonisch konstruierte, oft künstlich wirkende Form; zum anderen präsentiert es eine völlig neue Art des individuellen Ausdrucks der Hauptfigur, getragen durch die Musik. Was mehr noch als formale Kriterien ins Auge fällt, ist die Dichte, mit der das Werk die Vorstellung der Autoren über ihre Welt und die Existenz in ihrer Zeit transportiert. Im Klima des wissenschaftliche Fortschritts der Renaissance ist Orfeo neben seinem privaten Dilemma, der Liebesnot, zugleich Träger einer großen Idee: Der Mensch kann mit Hilfe seiner Fähigkeiten und im weitesten Sinne der Wissenschaft die Natur, aber auch seine Ängste bezwingen und damit ein sich gesetztes Ziel erreichen oder den Lauf des Schicksals verändern. So ist die Musik in dieser Zeit noch ausgewiesener Teil der Wissenschaften und mehr Handwerk als Kunst des subjektiven Ausdrucks. Im Stück ist sie das Werkzeug, dessen Orfeo sich bedient, um Euridice gegen den Lauf der Dinge aus dem Tod zurückzuholen. Die erotische Beziehung der beiden Protagonisten spielt bei Monteverdi eine untergeordnete Rolle. Das Individuum Orfeo, als Prototyp des subjektiv fühlenden Menschen auf dem Scheideweg von Schicksalsabhängigkeit zu aktiver Gestaltung und Manipulation seiner Umwelt, steht erstmals seit der Antike wieder im Mittelpunkt des Geschehens.
Für die Aufführung ist uns wichtig, das im wahrsten Sinne „alt“ oder „sakral“ klingende Werk nicht als Zeugnis einer vergangenen Epoche zu rekonstruieren, (dies ist das nach wie vor Credo beim Aufführen von „Alter Musik“ heute) sondern dem Hörer durch das Mittel des Kontrastes im Bezug auf Raum, Atmosphäre, Kostüm und Setting, einen möglichst direkten Zugang zum Stück zu ermöglichen. Ziel ist, Situationen zu schaffen, die ein unmittelbares, unvoreingenommenes Hören erlauben. Teil dieser Arbeit ist die Bearbeitung der Partitur, der Besetzungsvorgaben und auch der Übersetzung. Dazu gehört die Reduktion des Ensembles auf fünf Sänger, die auch den Chor darstellen, der Einsatz eines vielseitigen, durch seine Kombination exotischen Instrumentariums und die kompositorische Bearbeitung der Musiknummern. Wir versuchen, ein Gleichgewicht zwischen der nur zu vermutenden Absicht des Komponisten und einer plausiblen Übertragung des Werkes in die Gegenwart herzustellen. Die Übertitelung basiert auf einer eigenen Übersetzung, die den Inhalt des Werkes zuspitzt. Die 10 Musiker und der Dirigent sind in den Bühnenraum integriert; im besten Fall kann ein Dialog zwischen Musikern und Darstellern entstehen. Zur Wiedergabe des Textes übernimmt eine Darstellerin. Gelingt es auf diese Weise, gegen eine museale Wahrnehmung der Musik anzugehen, ergeben sich neue inhaltliche Möglichkeiten. Die Musik ist nicht nur mehr „interessant“; sie hat eine stärkere emotionale Wirkung auf den Zuhörer und nimmt auf das Verhältnis von Bühne und Zuschauer verstärkt Einfluss.
Während die Handlung des Stückes in Arkadien und der Unterwelt spielt, sehen wir diese beiden Bereiche im modernen Denken auf einer Ebene verschmolzen. Unser Orfeo beginnt nicht zwischen grünen Hügeln um sich schließlich in das Abseitige der Welt zu wagen, er beginnt in einer Welt zum Zeitpunkt nach einer hypothetischen Katastrophe, durch die die Unterwelt längst ein Teil der oberen Welt geworden ist. In diesem Rahmen dient die Musik von Beginn an als ein Hilfsmittel der Figuren, die Ohnmacht gegenüber einem sie nicht beachtenden Fortschritt aushalten zu können.
Orfeo, der Mensch, der den Lauf der Welt manipuliert und der dennoch nach einem einfachen
Fehlverhalten, seinem Blick, das (Wieder-) Errungene aufgeben muss, findet seine Entsprechung in jedem Mensch, besonders vielleicht im Wissenschaftler. Bei der Frage, welche Bedeutung „L’Orfeo“ inhaltlich für den heutigen Zuhörer haben könnte, stellen wir das Zeitgefühl des Aufbruchs der Renaissance gegen das Zeitgefühl der Skepsis unserer - zumindest unserer deutschen - Gegenwart. Erst in dieser Spannung scheint die Bedeutung des Werkes für den heutigen Zuschauer transparent zu werden.