Don Giovanni

Don Giovanni

Alle Frauen lieben Don Giovanni. So war es und so wird es immer sein. Aber Don Giovanni ist müde geworden. Seiner Rolle als ewiger Verführer überdrüssig, widersetzt er sich allen Ansprüchen, an seiner Person …

Foto: Stefan Malzkorn

„Don Giovanni“ von W.A. Mozart
Ein Musiktheater-Projekt von Andreas Bode und Titus Engel.
Eine Koproduktion von Andreas Bode und Kampnagel Hamburg in Kooperation mit dem
Ensemble Resonanz Hamburg.

Alle Frauen lieben Don Giovanni. So war es und so wird es immer sein. Aber Don Giovanni ist müde geworden. Seiner Rolle als ewiger Verführer überdrüssig, widersetzt er sich allen Ansprüchen, an seiner Person. Er geht so weit, den Vater einer entehrten Tochter zu töten. Aufgerüttelt durch die absolute Möglichkeit des Todes, läuft Don Giovanni noch einmal zu alter Form auf. Alte Liebschaften werden abgewimmelt, neue begonnen – je skrupelloser, desto besser. Doch die Seite der Geprellten und Enttäuschten wird größer und verbündet sich: Die Jagd der Anständigen auf den freiheitsliebenden Verführer ist eröffnet.

Mit “Don Giovanni” kam die zweite Umsetzung einer bekannten Oper von Andreas Bode und Titus Engel auf Kampnagel Hamburg zur Aufführung. Wie schon in “Der Freischütz” wurde ein klassischer Stoff mit langer Aufführungstradition Ausgangsbasis für eine zeitgenössische Musiktheaterproduktion jenseits opulenter Opernästhetik. Im Vordergrund stand wieder einmal die Arbeit mit den Sängern als Darsteller und einer für Kammerensemble neu arrangierten musikalischen Vorlage von Tobias Schwencke. Mit dem „Ensemble Resonanz“ konnte eines der führenden innovativen Streicherensembles als Orchester gewonnen werden. Statt im Graben stehen die Musiker mit auf der Bühne und werden so Teil der Inszenierung.

Dem Mythos “Don Giovanni” auf der Spur, entwickeln Bode und Engel mit dem Ensemble junger Sänger und Musiker eine reduzierte, pointierte Form der Darbietung, die eine neue Sicht auf dieses Panoptikum der Lust und des Verlangens, der Selbsttäuschungen und der Enttäuschungen möglich macht.

„Don Giovanni“ birgt ein zeitloses Thema: Den nicht zu lösenden Konflikt der Differenzierung zwischen Gut und Böse sowie Anarchie und Reglement anhand der in der jeweiligen Gesellschaft geltenden, moralisch sanktionierten Wertmaßstäbe. Die Hauptfigur ist eine Projektion. Eine mediale Erfindung der Renaissance, die so erscheint, wie ihre Umgebung es von ihr verlangt. Von diesem Punkt aus spannt sich der Bogen zur Gesellschaft von heute, die nur in der Abhängigkeit von Ikonen überlebensfähig erscheint.
Mozarts Oper bezieht dabei bewusst keine eindeutige Stellung. Die von den Sympathien des Komponisten getragene und mit seinem Hang zur Anarchie ausgestattete Identifikationsfigur Giovanni wird einer moralisch-christlichen Weltanschauung gegenüber gestellt. Diese wird nicht von einer göttlichen oder philosophischen Vernunft getragen, sondern erscheint in hohem Maße hysterisch. Die dabei angelegte Zweideutigkeit macht die Oper modern oder sagen wir zeitlos. Zeitlos im Sinne einer modellhaften Analyse der Kategorien „Gut“ und „Böse“ und der Frage: Was ist moralisch?