Kieler Nachrichten, 20.12.07
Oper im Night-Club-Sound
Hamburg – Wie stark Stoff, Libretto und Musik von Monteverdis Orfeo auch 400 Jahre nach der Uraufführung noch ist, konnte man jetzt in Hamburgs Kampnagel Fabrik erleben – trotz eines ungewöhnlichen musikalischen Arrangements.
Regisseur Andreas Bode und Dirigent Titus Engel haben bereits einige große Opernstoffe eigenwillig bearbeitet, etwa Mozarts Don Giovanni oder Webers Freischütz.
In der Grundstruktur lassen sie die Partitur unangetastet. Sie erlauben sich andere Instrumente, ein paar elektronische Klänge und Effekte oder auch mal eine Partie anders besetzt. Orpheus, der Titelheld, der mit seinem Gesang die Geister der Unterwelt beschwört, ihm seine verstorbene Geliebte Eurydike zurückzugeben, ist in dieser Produktion statt eines Tenors oder Baritons eine Sopranistin (ausdrucksstark: Catrin Kirchner). Auf die für archaische Momente sorgenden Posaunen und Renaissance-Trompeten muss man auch verzichten. Wenn der Fährmann Charon mit diesen Klängen die Pforte des Totenreiches hütet, und Orpheus’ eindringlicher Gesang dann zum Night-Club-Song mit Zigarettenqualm und Bierflaschen wird, ist damit leider auch ein theatralischer Moment verschenkt.
Dafür gibt es sieben exzellente Streicher aus dem Ensemble Resonanz, die vom souveränen, auswendig dirigierenden Titus Engel zu frischem, präzisem und auch stilkundigem Spiel angeleitet wurden. Am Keyboard sorgt Tobias Schwencke für weitere Klangeffekte.
Orpheus hat einen ständigen Begleiter, den versierten E-Gitarristen Johannes Öllinger, der alle Continuo-Aufgaben übernimmt, geschickt improvisiert und manchmal auch Orchester-Partien spielt. Das Sänger-Ensemble wurde auf fünf reduziert, bis auf Orpheus übernehmen alle mehrere Partien. Besonders Titus Witt überzeugte hier mit seinem warm-timbrierten Bariton, oder auch die Sopranistin Jennifer Porto.
Die Regie allerdings erreicht leider nicht den frischen Zugang wie die musikalische Darbietung. Eine Einheitsbühne aus Sand mit zwei großen Sandhügeln soll eine verschmolzene Ober- und Unterwelt darstellen, so war zu lesen, die Figuren würden mit der Musik gegen einen sie nicht beachtenden Fortschritt ankämpfen. Um dies zu vermitteln waren Gestik, Szene, Choreographie viel zu beliebig, es schien, dass man sich viel zu sehr auf den Effekt der ungewöhnlichen musikalischen Ausführung verließ. Eine dazu-erfundene Sprecherin kommentierte in Abständen Opheus’ Allmachtsfantasien, die Welt verändern zu können. Gedanken, auf die der Besucher doch auch selbst kommen kann, wenn die Regie ihn dazu anregt. Anregend war eher das ungewöhnliche musikalische Arrangement, das gewiss ein mit Oper weniger vertrautes Publikum anspricht.
Elisabeth Richter