Die Welt, 18.12.06
Ein Klangbild, das Raum und Zeit sprengt
Orpheus in der Kampnagel-Welt - Regisseur Andreas Bode und Dirigent Titus Engel modernisieren die erste Oper der Geschichte.
Jenseits von Gut und Böse verwischen auch die Grenzen zwischen Arkadien und Unterwelt, den dialektischen Spielwiesen der 1607 ersonnenen “ersten” Oper der Musikgeschichte: dem “Orfeo” von Claudio Monteverdi. Das frühe Meisterwerk der Gattung Oper feierte am Freitag Premiere auf Kampnagel - in einer hellsichtigen Neubeleuchtung des Mythos vom Sänger Orpheus, der selbst Felsen und hartherzige Furien durch die Macht seines Gesangs erweicht.
Gleich beim Betreten der Halle K2 schlicht bestechend: Die Kraterlandschaft aus Sand, die als visuelle Setzung des Teams um Regisseur Andreas Bode, Bühnenbildnerin Nanette Zimmermann und Kostümbildnerin Gwendolyn Jenkins jenseits jeder realistischen Konkretisierung einen Unort irgendwo zwischen Himmel und Hölle definiert. Wüst und leer, offen für die helldunkle Zwischenwelt, in der dieser Orfeo spielen wird.
Während eine E-Gitarre die ersten Töne des Abends krächzt, schaufeln sich in den Sand eingegrabene Figuren frei, seltsam astronautisch gewandete Wesen, Überlebende eines atomaren Vernichtungsschlages womöglich, die uns nach dem Ende der Geschichte die alte Geschichte des Orpheus erzählen. Jene von der Magie des Gesangs, der noch verführen und verwandeln kann, wenn Menschen und Götter längst alle Hoffnung haben fahren lassen.
Nicht zufällig gehören die ersten Sangestöne der allegorischen La Musica persönlich, der Friederike Adamski ihren edel verzierten, pianozarten Sopranglanz verleiht. Mitglieder des Ensemble Resonanz, auch sie haben offensichtlich am linken Kraterrand die finale Katastrophe überlebt, umspielen ihn hingebungsvoll geschmeidig, tänzerisch groovend, sanft verfremdend und dabei stets konsequent auf Monteverdi fußend. Keine authentische, das historische Klangbild der Renaissance rekonstruierende Aufführungspraxis haben Dirigent Titus Engel und Arrangeur Tobias Schwencke für diesen Orfeo gewählt, sondern im Verein mit dem Regieteam nach wahrhaftiger Vergegenwärtigung der Partitur gestrebt.
Und so wird Orfeos Auftrittsarie “Rosa del ciel, vita del mondo” zeitgemäß von der E-Gitarre begleitet. Sopranistin Catrin Kirchner schenkt diesem singenden Helden und Halbgott im alten Frack eine wunderbare Wärme und Wendigkeit in Stimme und Gestalt, ein nahezu idealer Orpheus. Ihr an die tote Geliebte Eurydice gerichteter ergreifender Klagegesang “Tu sei morta, mia vita” weitet die grandiose Singschauspielerin und ihr Regisseur zu einem surrealen Klangbild von raum- und zeitsprengender Wirkungsmacht:
Die Musiker liegen jetzt wie tot auf dem Sand, auch Dirigent Titus Engel versieht seine Arbeit mit dem Rücken auf dem Wüstenboden. Ob die Vision der Ingeborg Bachmann hier Pate stand? “Das Lied überm Staub danach wird uns übersteigen.” Tief ernst und höchst verspielt sind solche zugleich tragischen wie utopischen Momente. Und es scheinen skeptische Fragen auf: Jene nach der Wirkung und der Geltung von Kunst, nach dem Vermögen zur Veränderung, dessen Reste in der Musik doch noch stecken? Andreas Bodes lebendes Leitmotiv, Schauspielerin Charlotte Pfeifer, spricht die Fragen der Entgrenzung als Erzählerin aus, zumal jene nach dem universellen Schlüssel, der kraft der menschlichen Stimme neue Ebenen der Wirklichkeit aufstößt. Als einziges Element der Inszenierung ist sie verzichtbar, der Brecht’sche Zeigefinger, mit dem sie vom Mythos in die Gegenwart deutet, ist nur enervierend, wo dieses große, elementare und fantasievoll verzaubernde Musiktheater ganz aus sich selbst heraus vielsagend vollkommen wirkt. Denn die Waffen des Gesangs erweisen sich an diesem Abend als unerhört machtvoll. Orfeos an Fährmann Charon, dem Titus Witt seinen kraftvoll beredten Bass-Bariton leiht, gerichtete Arie “Possente spirto” birgt die volle Sogkraft der Grenzüberschreitung: dank Catrin Kirchners schmeichelnder Stimmfarben wie dank des famos feinfühligen Arrangements mit Kontrabass, E-Gitarre und Rhodes. Als verblüffend heutig erweisen sich nun die Töne und Tänze der Unterwelt, bis der scheinbare Sieger Orfeo von seinen Gefühlen übermannt den verbotenen fatalen Blick tut. Papa Apollo, in Gestalt einer italienischen Primadonna, ruft den Haltlosen mit üppig romantischem Verditon zur Ordnung. Zu spät?
Peter Krause