Der Tagesspiegel, 09,02.07

Orpheus aus der Buddelkiste

In einem riesigen Sandkasten spielen Orfeo und seine Freunde große Oper. Monteverdis Musik ist für einige Streicher, Cymbalon und E-Gitarre bearbeitet und wird immer mal wieder von einer Schauspielerin unterbrochen, die rhetorische Fragen und Sentenzen beisteuert. Hat die Apokalypse bereits stattgefunden oder befinden wir uns doch nur in einer großen Buddelkiste? In Hamburg wurde die Neufassung des frühbarocken Meisterwerks auf Kampnagel gefeiert, und auch beim Gastspiel im Radialsystem V zeigt die theatralische Konzeptkunst einige starke Momente. Musikalisch rücken die Arrangeure Tobias Schwenke und Titus Engel das bruchstückhaft überlieferte Werk mit E-Gitarre und Keyboard mal ganz nah und mit Cymbal statt Cembalo dann wieder exotisch weit weg.

Die ausdrucksstarke Catrin Kirchner spielt als Orfeo verschiedene Rhythmen und musikalische Stile durch in ihrer Klage um Euridice, auch das Orchester greift gelegentlich in die Handlung ein. Das schön ausgedachte Konzept von Regisseur Andreas Bode hat sich aber bald erschöpft, denn das schauspielerische Niveau ist durchaus nicht auf der Höhe des dramaturgischen Gedankens. Einige hübsche Gags sollen die Fallhöhe des Erhabenen abmildern und verfehlen ihre Wirkung nicht. Der Erkenntnisgewinn bleibt indes überschaubar. „Haben Sie es schon mal mit Selbstmitleid versucht?“, fragt die Schauspielerin. Haben wir, hat nicht geholfen. Monteverdis „Orfeo“ erweist sich gerade dort, wo er weitgehend im Original erklingt, als bedeutend stärker als seine Bearbeiter. Das ist doch auch eine schöne Erkenntnis.
Uwe Friedrich