Berliner Zeitung, 09.02.07
Pauschales Regie-Gebügel
Braucht nicht Pep, sondern die Arbeit des Verstehens: Monteverdis “L’Orfeo” im Radialsystem
Junge Leute produzieren eine alte Oper. Da hängen sich Erwartungen dran, nicht unbedingt die besten. Prompt wurde diese vom Hamburger Kampnagel finanzierte Produktion von Monteverdis “L’Orfeo” bei ihrer Hamburger Premiere im vergangenen Dezember als “aufgepeppt” bezeichnet. Das fehlte noch.
Was dieses erste Meisterwerk der Operngeschichte braucht, ist nicht Pep, denn der macht “Plop!”, und weg ist er. Er bedarf der Arbeit des Verstehens und der Aneignung, und das war schon vor 400 Jahren so: “L’Orfeo” ist kein Knaller für das bürgerliche Theater, sondern ein Werk für Spezialisten und Menschen, die Zeit haben, sich mit ihm zu befassen - und Spezialist ist der erwerbstätige Bürger nie gewesen und wird es nie sein. Wenn hier Pep am Werke sein sollte, dann ist es gewiss keiner, der aus dem Werk heraus entwickelt wurde.
Die Aufführung im Radialsystem ist musikalisch so virtuos wie szenisch albern. Wo die Inszenierung etwas trifft, hat man geradezu den Eindruck, es geschieht zufällig, weil diese Momente ganz unvernetzt sind. Vieles vermag der Regisseur Andreas Bode visuell kaum deutlich zu machen. So ist kaum auszumachen, was Orpheus denn nun eigentlich für ein Typ sein soll. Er läuft in einem tendenziell mozarthaften, aber dann doch sehr coolen Kostüm herum. Ihm folgt ein junger Mann mit mal elektrischer, mal akustischer Gitarre.
Wenn Orpheus den Charon davon überzeugen will, ihn in die Unterwelt zu lassen, singt er das “Possente spirto” bei roter Bar-Beleuchtung mit Bierflasche in der Hand. Während er Eurydike wieder ans Tageslicht führt, tanzt die mit Pluto und Proserpina eine Polonäse, und sein Klagen darüber, dass sie ihn verloren hat, wird mit höhnischem Gelächter beantwortet. Vor seinem letzten Klagegesang, der Apollo auf den Plan ruft, sagt eine das Geschehen ab und zu kommentierende Schauspielerin: “Versuchen Sie es doch mal mit Selbstmitleid!”
Man kann das läppisch finden, den Eindruck haben, dass diese Ideen am Werk hinablaufen wie Regen an der Fensterscheibe, den Durchblick trübend, aber nicht färbend. Erschütternd aber ist doch die Fremdheit einem Werk und seiner Sprache gegenüber, der Glaube, es genüge, die Geschichte an den Strom des üblichen Gekaspers anzuschließen und man hätte damit schon die Erkenntnis-Glühbirne zum Leuchten gebracht. Aber mitten im Albernen taucht dann eine Idee auf: So einfältig es ist, ein frühbarockes Lamento mit dem Wort “Selbstmitleid” auf den psychologisch niederträchtigsten Begriff bringen zu wollen, so fraglos trifft Bode mit der Inszenierung des Klagegesangs etwas Richtiges. Er beginnt, da sich Orpheus nach seiner Mission in die Unterwelt in Thrakien wiederfindet, als stockender Sirtaki, um dort, wo er die verlorene Eurydike preist, nach dem richtigen Ton zu suchen.
Schnell? Langsam? Empfindsam, tänzerisch, punkig gar? Dass das Lamento ein Experimentierfeld für Komponisten war, neue Ausdrucksmittel zu erproben, das kommt hier zum Ausdruck - wenig subtil, aber immerhin. Mit der musikalischen Seite ist das Glanzstück der Aufführung besprochen. Der Dirigent Titus Engel und sein Mitarbeiter Tobias Schwencke haben Monteverdis Partitur nicht der aufführungspraktischen Besserwisserei, sondern einem stilistischen Belastungstest unterworfen. Erstaunlich, was diese Musik alles überlebt: Die E-Gitarre als Continuo-Instrument etwa ist eine echte Entdeckung, sie bietet gerade rhythmisch interessante Möglichkeiten. Während der Szenerie in der Bar treten noch ein Synthesizer und ein Zupf-Bass hinzu, und auch das funktioniert trotz des Ausflugs in eine leicht angejazzte Harmonik und Rhythmik sowie spezifisch rockiger Gitarrenverzierungen ziemlich gut. Wenn Apollo singt, spielen die Streicher im harmonisch üppigen und vibratosatten Stil des 19. Jahrhunderts. Und in der Tat wird Orpheus durch die folgende Apotheose auch zu einem Gipskopf, wie er den bürgerlichen Salon schmücken könnte.
Aber es eben nicht tat: An solch pauschalem Regie-Gebügel zeigt sich wieder die Fremdheit gegenüber einer anderen Kultur des Musiktheaters. Da die Streicher des Ensemble Resonanz auf der Bühne postiert sind, spielen sie samt Dirigent auch manchmal mit; sie tanzen, fallen um und spielen im Liegen weiter. Dazu müssen sie ganze Passagen der Musik auswendig können. Titus Engel dirigiert diese nicht gerade hirngeschmeidigen zwei Stunden vollkommen auswendig. Die jungen Sänger, die sämtlich mehrere Rollen spielen, verfügen über sehr klare, überaus korrekt geführte Stimmen, die sich bruchlos ins Ensemble fügen, allerdings auch ohne herausragende individuelle Kennzeichen sind. Catrin Richters ficht sich mit nie erlahmender Energie, Mut zum Extrem und Stimmschönheit durch die vielseitige Orpheus-Partie. Erwähnenswert ist außerdem noch Friederik Adamskis fein artikulierter Prolog.
Peter Uehling