Theater der Zeit, Januar 2005
„Freischütz“ trifft nicht
Zuerst die gute Nachricht: Mit der „Freischütz“-Version auf Kampnagel von Regisseur Andreas Bode und Dirigent Titus Engel versucht ein junges Theaterteam, die altmodische Gattung Oper für junge Leute auf eine experimentelle Weise erfahrbar zu machen. Alte Zöpfe der Operntradition sind abgeschnitten: Es gibt neue Dialoge, eine witzige musikalische Bearbeitung für Salonorchester (Tobias Schwencke) und einen mitten im Bühnengeschehen dirigierenden musikalischen Leiter. Jetzt die schlechte Nachricht: Das Experiment ist leider nicht ganz geglückt. In der Neufassung des weberschen „Freischütz“ von Andreas Bode geht es wie in der Vorlage des Librettisten Friedrich Kind um die Geschichte des Meisterschützen Max (Stefan K. Heibach), den kurz vor seinem öffentlichen Probeschuss die ehemalige Treffsicherheit verlässt. Da Max nur nach einem erfolgreichen Probeschuss die ihm versprochene Agathe heiraten und die Erbschaft der Försterei antreten darf, versucht er, sich durch teuflische Freikugeln zu retten. Bode verlegt die Handlung in die Gegenwart. Die Dialoge hat er in einen heutigen, halb improvisierten Jargon übertragen, auch die Kostüme (Gwendolyn Jenkins) sind modern. Doch weder für das Ritual des Probeschusses, noch für die Jagdgesellschaft findet er eine theatrale Übersetzung ins Heute. Eine Moderatorin (Charlotte Pfeifer) muss dem Publikum die zentrale Inszenierungsidee förmlich aufdrängen: Es gehe um den „Generationskonflikt“ zwischen der alten Jagdgesellschaft, die auf dem grausamen Brauch des Probeschusses besteht, und dem jungen Max, der an ihr scheitert. Doch da Max einen Jugendlichen von Heute darstellt, versteht man nicht, was sein Problem mit den sympathischen Männern des Jägerchores ist (Hamburger Liedertafel). Zugleicht verweigert Bode eine Antwort auf die spirituellen Fragen des Stückes. Die Verführung durch die Glaubenskräfte des Bösen (Wolfsschlucht-Szene) aber auch des Aberglaubens (Forsthaus-Szene) und der im Stück alles erlösende christliche Glaube (Eremiten-Szene) sind nicht inszeniert.
Hinzu kommt, dass Beziehungen der Figuren untereinander verwischt, teilweise kaum erkennbar sind. Stefan K. Heilbach, stimmlich überfordert, gibt den Max als Pummelchen im rosa T-Shirt. Ein Teenager, der sich nicht entwickelt. Matthias Klein als sein Antipode Caspar, der seinen kernigen Bariton kollegial zurückhält, wird inszenatorisch lediglich als ein Max-Kumpel eingesetzt, der den Kameraden in der Wolfschlucht-Szene verkuppelt. Lediglich zwischen Maxens Liebster Agathe (Larissa krichina) und ihrer frechen Freundin Ännchen (Marret Winger) vermag man eine Beziehung zu erkennen. Dem „Freischütz“ im Bühnenbild von Geelke Gayken fehlt die theatrale und poetische Welt, in der sich das Stück abspielen könnte. Alles ist erlaubt, was für den Augenblick hübsch und lustig ist: eine russisch sprechende Agathe, ein irrwitziger Dirigent, der auf der Bühne mitmischt, ein Fürst Ottokar in Gummistiefeln usw. Aber weil sowohl darstellerisch als auch von den Theatermitteln her so vieles unbegründet und unverbunden bleibt, zerfällt die Inszenierung zerfallen die Figuren. Lediglich die Energie des Ensembles Resonanz unter Titus Engel kann den Abend zusammenhalten.
Andreas Bode hatte vor zwei Jahren mit seiner „Parzival“-version eine aufregende Musik-Theater-Collage auf Kampnagel herausgebracht. Rund um die überragende Jana Schulz geriet das Spektakel als wilde Reise ins Innere des Titelhelden. Vielleicht hat sich Bode beim „Freischüz“-Projekt einfach im Stück vergriffen, um etwas zu erzählen, das ihm selbst zu recht am herzen liegt, doch mit dem „Freischütz“ nicht ohne Not zu erzählen ist. Ein Folgeprojekt auf Kampnagel bleibt jedenfalls mit Spannung zu erwarten.
Joscha Schaback