NDR 90,3 Abendjournal, 22.11.2004
Freischütz auf Kampnagel
Vorwärts in die Vergangenheit. Oder: die gute alte deutsche Romantik, das ist die Zukunft. Mit solchen widersprüchlichen Gedanken trägt sich der junge Regisseur Andreas Bode. Er inszeniert seit einigen Jahren alles, was deutsch ist und romantisch. Von Parzival über die Jungfrau von orleans bis – und das ist sein neuester Streich – den „Freischütz“ von Carl Maria von Weber. Die geschichte von den teuflischen Freikugeln,gegossen in finsterer Nacht in der Wolfsschlucht, die kannte früher jedes deutsche Kind. Und die Musik von Carl Maria von Weber, die war lange Zeit das, was man heute, einen deutschen Schlager nennt – jeder konnte mitsingen. Am Wochenende gab es auf Kampnagel ein Wiederhören der guten alten deutschen Schlager.
Hand auf herz: wer kann und kennt denn noch die schönen alten deutschen Lieder. „Wir binden dir den Jungfernkranz“, zum Beispiel. Beim Wort „Jungfer“ lachen doch alle – und damit hat sich’s heutzutage.
Tonbeispiel: Schöner, grüner Jungfernkranz
Die alten Herren der „Hamburger Liedertafel von 1823“ und die vom „Barmbeker Männergesangsverein von 1897“ – die kennen und können noch die schönen alten deutschen Lieder.
Tonbeispiel: Victoria
Ganz melancholisch kann man da werden. Denn wenn die herrschaften der Hamburger Liedertafel das nicht mehr singen können… wer pflegt denn das alte deutsche Liedgut hierzulande?
Tonbeispiel: Oh vertraue / Männerkehlen
Die Musik, die Lieder – von den beiden Männergesangsvereinen aus voller Kehle und gewiß aus vollem Herzen geschmettert: die sind aus dem „Freischütz“ von Carl Maria von Weber. Früher die deutsche Oper an deutschen Opernhäusern. Inzwischen gar kein Kassenknüller mehr. Auf Kampnagel, in kleiner Halle, hat der „Freischütz“ eine Art Zuflucht gefunden. Auf Kampnagel, bei der Alternativ-Kultur, ausgerechnet.
Tonbeispiel: Durch die Wälder..
Die Kampnagel-Halle wird von einem schmalen Wiesenstreifen durchzogen. Einer Art saftiger Alm-Weide. Das ist die Bühne: Darauf sitzen die Musiker und spielen.
Tonbeispiel: Gespräche – Musik im Hintergrund
Dirigiert wird das kleine, aber reffiniert arrangierte Orchesterchen von Titus Engel. Der ist eine Art Klaus Kinski der klassischen Musik. Tief verschattete Augen, weiß-blonde Künstlermähne, irrer Blick – ganz wie der berühmte Übeltäter in den Edgar-Wallace-Filmen.
Und dieser Titus Engel ist der Held des Abends. Nicht der Männerchor, nicht Jung-Regisseur Andreas Bode, und schon gar nicht die Sängerinnen und Sänger – die singen halbwegs o.k., als Schauspieler sind sie lausig.
Tonbeispiel: Max und Caspar
Also: Dirigent Titus Engel ist die Hauptfigur in diesem „Freischütz“. Er bringt das Orchesterchen heftig, zackig auf Touren.
Tonbeispiel: Wolfsschlucht
Und Titus Engel dirigiert die Sänger hinter seinem Rücken. Oder er hopst wirr über die sanftige Almwiese, fuchtelt jedem Sänger seiner beiden Männerchöre wild vor der Nase herum, als ob er alle gleich mit seinem Dirigentenstäbchen aufspießen oder auspeitschen wollte. Dann gallopiert er weiter – wie ein stampfendes Pferd.
Tonbeispiel: Jägerchor
Zu sehen ist bei diesem Kampnagel-Freischütz in der Regie von Andreas Bode nichts Weltbewegendes, vorsichtig ausgedrückt. Aber zu hören sehr viel, weil Titus Engel alles neu und raffiniert arrangiert hat… Musikalisch ist also der Abend ein großer Spaß. Auch eben wegen der Hamburger Liedertafel von 1823.
Tonbeispiel: Chor Ende /Beifall
Johannes Schultz