Kieler Nachrichten, 23.11.2004
Jägerbursche Max pfieft auf die Konvention
Hamburg Kampnagel: „Der Freischütz“ von Carl Maria von Weber
Sie sind eigentlich kein Opernfan? Egal. Wenn Sie ein experimentierfreudiger mensch sind, sollten Sie sich in der Hamburger Kampnagelfabrik den Freischütz antun. Dort kommt Carl Maria von webers Oper musikalisch so frisch daher, als wäre sie gerade komponiert worden – und nicht 1820. Verantwortlich für diese kleine Opernoffenbarung sind der Dirigent Titus Engel, der Webers Komposition gemeinsam mit Tobias Schwencke kammermusikalisch bearbeitet hat, und das Ensemble Resonanz – die Expertenformation für neue Musik. Ideenträgen des Ganzen ist der 32-jährige Regisseur und Musiker Andreas Bode. Auf Kampnagel hat er bereits einen flotten Parzival hingelegt und auch Schillers Jungfrau von Orleans pfiffig arrangiert. Seine Freischütz-Inszenierung ist jedoch eher liebenswert als innovativ. Witzig: Satt im Wald tummeln sich die Akteure auf Hamburger Rasen (Bühne: Geelke Gaycken).
Das Spiel beginnt während des Einlasses. Charlotte Pfieper (Samiel und Eremit) erzählt in Psychologen-Deutsch etwas über Kinder und Eltern. Der Freischütz als Fallbeispiel eines Generationenkonflikts: Die Alten halten an der Tradition fest, die Jungen kämpfen dagegen. Bei Bode bedeutet dies, dass max zwar wie in der Vorlage den Probeschuss abgeben soll, um Förster Cunos Tochter Agathe mitsamt der Erbförsterei zu bekommen, diesen aber verweigert. Der junge Hamburger Jägerbursche pfeift auf reaktionäre Konventionen, bevorzugt das kleine private Glück.
Stefan K. heibach als Max ist ein entsprechend netter Kerl. Mit lyrischem Tenor ängstigt er sich durch die Wolfsschlucht, wohin ihn „Mafiosen“-Caspar (Matthias Klein) geführt hat. Agathe (Larissa Krochina) sorgt sich derweil auf Russisch und lässt sich auch vom quirlichen Ännchen (Marret Winger) nicht aufheitern. Stimmlich sind alle ohne Tadel.
Die beste Performance liefert Titus Engel. Langhaarig und agil macht er den Otto, treibt beim Spurt über den Rasen die Herren von der Hamburger Liedertafel zu ungeahnten Gefühlsausbrüchen: „Wir winden dir den Jungfernkranz“ erklingt aus den Kehlen des ältesten hanseatischen Männerchores und wird begleitet von einem Akkordeon. In der Wolfschlucht-Szene führt Engel das Ensemble Resonanz in schrägtönende Schauermusik. „Schlager“ wie Ännchens Arietta „Kommt ein schlanker Bursch gegangen“ werden von einer Klarinette oder einem Saxophon begleitet. Das sind ganz neue Töne, die dazu verführen, bei diesem altbekannten Werk wieder ganz genau hinzuhören.
Susan Oberacker