Hamburger Abendblatt, 22.11.2004

Urkomisch und originell

Schon beim Betreten der Halle K2 von Kampnagel roch es nach taufrischer Wiese. Man ahnte, was kommen würde: Naturidylle, Waldesrauschen und, wenn Diana, die Göttin der Jagd, ihre Finger im Spiel hat, ein röhrender Hirsch zwischen dichten Fichten. Denn darum geht es ja ein wenig in Carl Maria von We-bers urromantischem “Freischütz”. Um Jägers Glück und Jägers Leid - sowohl bei Wild als auch bei Weib. Denn erst wenn Jägersbursche Max beim traditionellen Probeschuß ins Schwarze trifft, bekommt er seine Agathe und den Posten des Erbförsters.

Es kam dann aber ganz anders. Andreas Bode setzte in seiner “Freischütz”-Inszenierung, die am Freitag Premiere hatte, nicht auf biedermeierliche Heimatfilm-Gemütlichkeit. Keine Wiese, sondern ein gepflegtes Rasenstück als freie Bühne, auf dem zu Beginn rund 20 Männer (”Hamburger Liedertafel” und “Quartett Mozart von 1897″) in kleinkarierter Jägerklamotte posierten (Bühnenbild: Geelke Gaycken). Kein Schwelgen in den romantischen Klängen der Oper, sondern eine originelle Bearbeitung der Partitur für Kammerorchester (Titus Engel/Tobias Schwencke), die neue Spieltechniken und Instrumente wie Xylophon, Saxophon und Akkordeon miteinbezieht (ebenso originell gespielt von Musikern des Ensemble Resonanz). Keine gruselige Wolfsschlucht mit Teufelsspuk, sondern ein Schattenspiel hinter Planen, das in den Abgrund der menschlichen Seele blickt.

Andreas Bode glückt es, die Jäger- und Schauerromantik der Oper zu hinterfragen und Brüche in den holprigen Dialogen aufzudecken. Wo der Text nicht wei-terkommt, wird das Seelenleben nach Freud interpretiert (Charlotte Pfeifer). Und wo es kitschig werden könnte (etwa beim Jägerchor), mischt sich Dirigent Titus Selge ins Bühnengeschehen ein.

Insgesamt ein urkomischer “Freischütz” mit hervorragenden Darstellern (Stefan K. Heibach als Max, Larissa Krochina als Agathe, Marret Winger als Ännchen), der dem Konflikt der Generationen den Spiegel vorhält. Verdiente Bravos zum Schluß.

Bettina Brinker