Flensburger Tageblatt, 22.11.2004

„Freischütz“ einmal frisch und modern
Bravos für Kampnagel-Inszenierung der romantischen Oper

Carl Maria von Weber würde wohl lachen: bei der Premiere seiner Oper „Der Freischütz“ auf Kampnagel hat eine der Prototypen der deutschen Hochromantik ein teilweise hochkomödiantisches Gesicht bekommen. Mit einem rasenüberzogenem Laufsteg als Bühne und symbolistisch-expressiven Details hielt die Inszenierung ihrem Publikum viele Überraschungen bereit.
Damit wollen sich Regisseur Andreas Bode und Dirigent Titus Engel „auf die Suche nach der deutschen Romantik begeben“. Die zusammen mit Solisten, dem Ensemble Resonanz und Mitgliedern des Männerchors Hamburger Liedertafel realisierte Oper sei zwar für „moderne Leute von heute“ konzipiert, aber dennoch keine Persiflage, sagte der 32-jährige Hamburger Regisseur.
Mit eingebauter Alltagssprache und Abhandlungen über Freudsche Psychologie der Erziehung stellte die Inszenierung die charakterlichen Züge der Figuren klar heraus. In der berühmten Wolfsschlucht-Szene fiel ein weißer Vorhang, so dass die Zuschauer aus dem Schattenspiel auf das innere Gefecht des Jägerburschen Max schließen konnten, der einen Pakt mit dem Teufel eingeht, um mit mehr Treffsicherheit beim Schießen um die Hand seiner geliebten Agathe zu buhlen.
Stefan Heibach als Max mimte mit rosa Polohemd und blonden Locken den zwischen Anstand und Versuchung wankenden Jüngling. Die sorgenvolle, dauerdepressive Agathe alias Larissa Krochina führte Monologe auf Russisch. Charlotte Pfeifer spazierte als weiblicher Teufel Sami mit Negligé und blutroten Lippen über die Bühne und brüllte in der Wolfschlucht-Szene wie ein Tier. Besonderen Applaus erhielt Marret Winger in der Rolle von Agathes Freundin Ännchen, die trotz christallklarer Sopran-Koketterie vergeblich versucht, Aufmerksamkeit zu erhaschen.
Auch Dirigent Titus Engel spielte sich in die Herzen der Zuschauer: Wie ein Torwart, der sein Tor verlässt, stampfe Engel bei den Jägerchören über den Rasen und stachelte die bierernst schmetternden Herren des Männerchores an. Seines Jacketts entledigt, mit Hosenträgern und langen Haaren, stahl er seinen Schauspielkollegen mitunter die Show.
Mit Akkordeon-, Saxophon- und Xylophon-Einsätzen bekamen selbst die Arien tänzerisch-komödiantischen Charakter. „Das hat mehr Drive“, sagte Tobias Schwencke, der für die musikalische Bearbeitung mitverantwortliche ist. „Dieses Sück wird seit fast 200 Jahren aufgeführt, die Melodien kennt jeder. Aber mit der ursprünglichen Instrumentation würde sie niemand mehr als Gassenhauer erkennen.“
Das Publikum spendete viele Bravo-Rufe.

Antje Harders