Die Welt am Sonntag, 14.11.2004

Melancholischer Romantik-Groove

 

Auf Kampnagel versuchen Künstler, den “Freischütz” neu zu deuten

“Romantik”, sagt der Regisseur Andreas Bode, “das ist wie ein wohliges, warmes Bad.” Und da gegenwärtig auch die Sehnsucht nach Wärme zunimmt, hat sich Bode für seine aktuelle Inszenierung jenes Werk auserkoren, das zur musikalischen Grundausstattung des deutschen Seelenlebens gehört wie der röhrende Hirsch ins gemütliche Wohnzimmer. Zusammen mit dem Dirigenten Titus Engel, dem Ensemble Resonanz und Mitgliedern der Hamburger Liedertafel bringt Bode am 19. November auf Kampnagel Carl Maria von Webers Oper “Der Freischütz” heraus.

Jägerchor und Jungfernkranz - wer die Oper lange nicht gehört hat, staunt nicht schlecht, was in unserem kollektiven Melodiengedächtnis tatsächlich alles aus dem “Freischütz” stammt. Doch neben diesen Evergreens schuf Weber hier auch den Prototyp der “Schauerromantik”. Finstre Mächte, Wolfschlucht und Streichertremoli; wie es zu klingen hat, wenn es mulmig wird, hat Weber schon 1821 so nachhaltig definiert, daß bis heute kein Filmkomponist daran vorbei kommt. Genau hier setzt die Interpretation an, die Bode, der von Hause aus Musiker und Komponist ist, und Engel, der das Werk für die Kampnagel-Möglichkeiten arrangiert hat, gemeinsam entwickelt haben.

“Normalerweise strebt man eine klangliche Rekonstruktion der Uraufführung an”, beschreibt der Dirigent Engel den heutigen Hang zum Historisch-Authentischen. “Wir haben das gleiche Ziel, gehen es aber von der anderen Seite her an.” Statt den Originalklang rekonstruieren zu wollen, haben Engel und sein Co-Arrangeur Tobias Schwencke Webers Notentext mit den Mitteln heutiger Instrumente ausgeleuchtet. Ännchens kokette Arietta groovt also ein bißchen mehr als es zu Webers Zeit üblich gewesen wäre, und auch Saxophone gab es damals nicht, aber was Weber seinerzeit gemeint hat, würde man heute wohl eher so umsetzen. Und ein Akkordeon mischt jene Farbe der Wehmut hinzu, die einen anfällt, wenn man ein Märchenbuch aus Kindertagen wieder in den Händen hält. Daneben steht aber auch ein leibhaftiges Denkmal deutscher Musikkultur auf der Bühne: Die Herren der Hamburger Liedertafel. Die Institution solcher Männergesangvereine ist zwölf Jahre älter als der “Freischütz”, und sie war seinerzeit mit dem Entstehen eines deutschen Nationalbewußtseins ebenso verbunden wie die Vereine des Turnvaters Jahn.

“Eine melancholische Retrospektive über den Verlust von Heimat” nennt Bode also seine Studie zur Befindlichkeit des globalisierten Bundesdeutschen. Doch will er dabei nicht stehenbleiben, denn neben dem Eintauchen in die Romantik steht bei ihm der Blick über den Badewannenrand. Die Wolfsschlucht etwa versteht er als den Ort, an dem der biedere Bürger seine Angst vor einer sachlichen, gottlosen Welt versiegelt hält. Engel instrumentiert das klassische Schauerstück entsprechend als einen Aufbruch in die musikalische Moderne. Seine Affinität zu Heimat, Romantik und Wertbeständigkeit mag Bode dabei nicht verleugnen. Man darf gespannt sein, wie dieser Spagat gelingt.

Ilja Stephan