Die Welt, 22.11.2004
Wie wird man eigentlich Freischütz?
Kampnagel mit Kurkapelle: Andreas Bode schält den Kern der Oper von Carl Maria von Weber heraus.
Dieser Freischütz duftet. Nicht nach deutschem Waldesgrün, das in Carl Maria von Webers frühromantischen Opernzeiten noch unbeschadet sproß, sondern nach frisch-feuchtem Rasen. Andreas Bode und Titus Engel zeichnen auf Kampnagel szenisch und musikalisch verantwortlich für einen Freischütz, der hier dezidiert “nach” Weber und dessen Librettisten Friedrich Kind auf die Bühne gebracht wird und von radikaler Reduktion auf das Wesentliche lebt. Am Fuße der begrünten Bühne sitzen zwölf Mitglieder des Ensemble Resonanz als bessere Kurkapelle, die sich bereits beim Publikumseinlaß verwegen durch Webers Ouvertüre schrammelt. Dabei blicken wir in die Augen einer echten deutschen Institution: Der Männergesangsverein Quartett Hamburg von 1897 und die Hamburger Liedertafel von 1823 stimmen den Vittoria-Chor mit scheppernder vokaler Manneskraft an. Die trachtig gewandeten Herren stehen und singen hier für Heimatgefühl und beständige Werte, denen Max, der Lehrbub in Cunos Försterei, seinen aufklärerischen Geist einer neuen Zeit entgegensetzt. Max spürt den Umbruch nahen - seine volksliedhaft frohe Arie “Durch die Wälder durch die Auen” kündet in ihrem Mittelteil vom Zwiespalt des romantischen Lebensgefühls und der abgründigen Seite des Waldes. Ist Gott nicht längst tot? Bevor das Unheil des mit magischen Freikugeln erkauften Probeschusses seinen Lauf nimmt, mit dem Max seine Agathe zur Frau gewinnen soll, klärt uns Charlotte Pfeifer in der hell-dunklen Doppelgestalt als erlösender Eremit und diabolischer Samiel auf: In diesem Freischütz geht es um neurotische Familienbande. So verzichtbar die Voraberklärung des Regiekonzepts, so überzeugend dessen Umsetzung als Initiationsgeschichte. Auch die typgerechte und sängerisch hochkarätige Besetzung lebt den Neuentwurf. Der blonde, lyrisch emphatische Max-Tenor von Stefan Heibach und sein vor baritonaler Potenz strotzender, ihn finster in die Wolfsschlucht verführender Kollege Kaspar, die häusliche, innig strahlende Agathe der Larissa Krochina und ihre längst selbstbestimmte Freundin Ännchen, die in Gestalt von Marret Winger jeden kokett überdrehten Soubrettenton meidet. Am gar nicht frohen Ende muß jede Schwärmerei vom Walde und vom Jungfernkranz vergehen. Max bleibt sein finaler Probeschuß versagt, und der therapeutisch sich einmischende Eremit scheitert fast ungehört.
Peter Krause