Hamburger Abendblatt, 01.12.05
Gitarrenkuschelige Lagerfeuer-Schmonzette
Kampnagel: Andreas Bode inszeniert Mozart-Oper ganz neu. C-Dur statt G-Dur, Gitarre statt Cembalo und ein Don Giovanni mit Kopfschmerzen - ein Probenbesuch.
“Soll ich hier wirklich G-Dur spielen?” Gitarrist Johannes Oellinger hat drei Fragezeichen im Gesicht. Weil seine Akkorde so gar nicht zu dem passen wollen, was Leporello und Donna Elvira da singen. “Nein, das muß C-Dur sein, die Stelle haben wir geändert!” meint Arrangeur Tobias Schwencke. Aha. Ein Fragezeichen weniger. “Und, ist das jetzt endgültig?” hakt Oellinger nach. “Das sehen wir noch!” Tja, Pech gehabt. Wieder ein Fragezeichen mehr.
Zweieinhalb Wochen vor der Premiere von Mozarts “Don Giovanni” auf Kampnagel beginnt der Endspurt - und da gibt’s schon noch einiges zu klären und zurechtzubiegen. Denn was vorher alleine geprobt worden ist, wird nun zusammengefügt. Die Gitarre, die das sonst übliche Cembalo als Begleitinstrument ersetzt, ist zum ersten Mal dabei.
Auch die szenischen Abläufe werden allmählich genauer justiert: “Du mußt leiser lachen, sonst hört man Don Giovanni gar nicht”, mahnt Regisseur Andreas Bode seine Zerlina-Darstellerin Olivia Stahn - und läßt sie anschließend so oft in Masettos Arme springen, bis sie im Piano kichert.
Obwohl es also langsam ernst wird, herrscht eine entspannte Arbeitsatmosphäre im jungen Ensemble. Die Sänger, die gerade nicht dran sind, halten ein kleines Nickerchen oder bedienen sich an der Obstauswahl. Krank werden ist nämlich streng verboten - der Etat einer freien Small-Budget-Produktion sieht nun mal keine Ausgaben für Zweitbesetzungen vor.
Zum Glück sind die Preise in der Kampnagel-Kantine zivil. Bei Pasta mit Orangensauce zum Mitwirkendentarif von drei Euro plaudern Bode und sein musikalischer Leiter Titus Engel - das Erfolgsteam der vielgelobten “Freischütz”-Produktion vom letzten Jahr - über ihre Ideen zum Don Giovanni: “Es ist ein vielschichtiges Stück, mit einer faszinierenden Spannung zwischen großem Humor einerseits und tiefsten Abgründen andererseits”, meint Bode. “Und dieser Mythos von einem Mann, der auf ganz unterschiedliche Arten Liebe erreicht, unter Zwang, durch Gewalt, mit Lust oder durch Geld, hat auch etwas sehr Modernes.” Für Dirigent Titus Engel ist die Begegnung Wagnis und Reiz zugleich: “Natürlich habe ich großen Respekt davor. Aber wir streben nicht nach einer aufführungspraktischen Interpretation, sondern wollen einen Don Giovanni machen, wie er heute interessant ist, wollen Klangfarben des 20. Jahrhunderts einbringen, ohne etwas zu zerstören.”
Was er damit meint, zeigt sich nach der Pause: Da wird das berühmte Ständchen “Deh! Vieni alla finestra” zu einer gitarrenkuscheligen Lagerfeuer-Schmonzette uminstrumentiert. Sehr hübsch. Darf ich mein Feuerzeug schwenken? Schwerer Kultverdacht, schon jetzt. Mit diesem Ständchen beginnt vier Tage später ein erster Durchlauf vom zweiten Akt.
Trotz vieler Umstellungen läuft es schon recht geschmeidig. Don Giovanni vermöbelt Störenfried Masetto beängstigend glaubhaft: “Ahi”, ächzt der arme Kerl. Zu deutsch: Aua! Anschließend singt Olivia Stahn Zerlinas “Vedrai carino” dermaßen zart und anrührend, daß einem schon in dieser nackten Fassung, ohne Orchester, beinahe die Tränen kommen.
Bode scheint auch ganz zufrieden, unterbricht gar nicht und geht nur manchmal näher ran, um Details besser zu sehen, und flüstert seiner reizenden Regieassistentin Sätze wie “Don Giovanni muß im Finale mehr Kopfschmerzen haben” ins Ohr. In der Tat: Wer von der lebenden Statue eines untoten Ermordeten die Hand gedrückt kriegt, darf sich schon mal ein bißchen unpäßlich fühlen.
Eine Woche nach dem ersten Besuch wird die echte Bühne eingeweiht. Der Baumeister warnt: “Ihr müßt aufpassen, daß ihr nicht ausrutscht; die Absturzkante ist ziemlich hoch!” und nennt zur Sicherheit noch mal die Notrufnummern. Nur für alle Fälle! Aber selbst Donna Elviras eindrucksvoll stöckelbeschuhter Haßauftritt geht einigermaßen glatt. In den nächsten Tagen kommen noch Kostüme, Beleuchtung und Orchester dazu. Es bleibt spannend. Aber bis zur Premiere sind die letzten Fragezeichen verschwunden. Ganz sicher.
Von Marcus Stäbler