15. April 2008

Tobias Schwencke arrangiert “La Bohème” an der Neuköllner Oper

Am 3. April hatte “Ihre Bohème” an der Neuköllner Oper in einer neuen Fassung von Tobias Schwenke Premiere. Das Arrangement wurde von der Berliner Presse als “klug” und “raffiniert” beschreiben.

Ihre Bohème
Puccinis „Bohème“ in einer Fassung der Neuköllner Oper
von Rainer Holzapfel und Tobias Schwencke

Premiere am 3. April 2008, 20 Uhr

Gemeinhin die große Oper über eine lebenslustige Männer-WG, ist Puccinis Bohème doch zugleich (ab Mimis Auftritt im ersten Akt) ein ergreifendes Drama über die Vergänglichkeit des Lebens und der Liebe, auf der von Anbeginn der Schatten von Krankheit und Tod liegt. In einer Zeit, die das Alter so extrem problematisiert wie sie einem keimfreien Jugendkult huldigt, liest sich Puccini wie ein politischer, musikdramatischer Kommentar. In der Fassung von Rainer Holzapfel sind die Lebenskünstler unserer Bohème in die Jahre gekommen, sie sind Sänger, die ihr ganzes Berufsleben gesungen und mit ihrer Stimme auf der Bühne gestanden haben; nun im „Ruhestand“, will das Leben nicht Ruhe geben, drängen sich Gefühle und Erinnerungen auf: an die großen Partien und Rollen, an die Erfolge und die Emotionen, die sich mit ihnen in den Leib gelagert haben. Unsere Inszenierung geht mit einem Ensemble von fünf alt gewordenen Sängern und zwei Kollegen aus der anderen, jungen Generation auf eine Reise in die Erinnerung und in eine Gegenwart, in der die Körper zwar gealtert, Vitalität und Lebensfreude aber ungebrochen sind. Und konfrontiert es mit einem kleinen, aber dynamischen Orchester unter der Leitung einer jungen Dirigentin.
Nicht nur, aber auch als Kommentar zu den vielen gegenwärtig gezeigten Bohème-Inszenierungen, stellt die Neuköllner Oper ihre Sicht zur Diskussion – und gezielt in eine „Methusalem-Syndrom“ - Debatte, die im starren Blick auf die demographischen und sozialpolitischen Aspekte den Blick auf Würde und Wert des Alters zu verlieren scheint.
Weitere Vorstellungen bis 6. Juni, Neuköllner Oper, Karten: 030 - 68 89 07 77

Presseauszüge:

Berliner Zeitung vom 5. April 2008
Die Methusalem-WG
“Ihre Bohème”: Generation 60plus an der Neuköllner Oper
Wolfgang Fuhrmann

Nostalgie, die Sehnsucht nach dem Vergangenen im Bewusstsein der eigenen Vergänglichkeit, formt den Ton von Giacomo Puccinis unverwüstlicher Oper “La Bohème”. Selbst dem Walzer der lebenslustig-koketten Musette scheint schon im Erklingen die Erinnerung eingeschrieben, und schließlich sollten ja auch Puccinis Hörer auf dem Heimweg etwas zum nostalgischen Nachsummen haben.

Die Idee, das Stück insgesamt als nostalgischen Abend im Altersheim anzusiedeln, hat jetzt die Neuköllner Oper realisiert. Am Donnerstag hatte “Ihre Bohème” Premiere - geschickt angesetzt kurz vor der “Bohème”-Produktion in der Komischen Oper. Vor wenigen Jahren erst gab es im Club der Republik eine Prenzlberg-”Bohème” mit einem zum Trio zusammengesparten Orchester. Nun gibt es also den Methusalemkomplex in Neukölln, wobei die noch halbwegs funktionierenden Rentenkassen eine etwas größere Instrumentalbesetzung erlaubten, im klugen, mitunter raffinierten Arrangement von Tobias Schwencke, dem Mann am Klavier.

Der Clou des Abends ist es, Sänger zwischen 60 und 70 Jahren auftreten zu lassen. Im quadratischen Geviert der Künstler-WG sitzen die Herren anfangs trübe im Nachthemd herum, und werfen sich erst im Laufe der Oper in schicke pastellfarbene Anzüge, sogar Eckhart Hedke als Colline steigt irgendwann aus dem Rollstuhl. Natürlich ist es reizend, wenn Renate Dasch als Musette sich im aufregend roten Fummel ans Klavier lehnt und Schwencke zuraunt: “Halbton tiefer, bitte!”, um sich dann lustvoll vor schrillen Tönen in besagten Walzer zu stürzen; natürlich ist es rührend, wenn ihr Ex Marcello (Volker Schunke) sie zurückerobern will und sich dabei testosterongeladen durch die zum Seniorennachmittag aufgestellten Stuhlreihen wütet.

Man kann seine eigenen Empfindungen überprüfen beim Anblick gealterter Haut und beim Hören gealterter Stimmen; die Oper ist ja immer ein Ort des vokalen Jugendkults gewesen. James Clark als Rodolfo etwa ist immer noch ein rechtes Mannsbild, das sich - eine schöne Idee - seine Mimi, die mädchenhaft wirkende Gabriele Schwabe, erst am Klavier herbeifantasieren muss. Sonst ist Rainer Holzapfels Regie zu diesem Paar nicht so viel eingefallen; der Schluss verzichtet auf das Pathos von Mimis Tuberkulose-Ende und lässt die Geschichte einfach verebben: “Mehr gibt es nicht zu erzählen”, sagt Schwabe. Vielleicht aber doch, wäre auf ein paar Verfremdungs-Mätzchen verzichtet worden; die junge estnische Dirigentin Kristiina Poska etwa wurde zu szenischen Einlagen angehalten, die sie mit ebenso strengem Charme absolvierte wie die musikalische Leitung (ein bisschen mehr Üben hätte vor allem Violine und Viola nicht geschadet). So wirkt die reizvolle Idee einer gerontologischen “Bohème” nicht ganz zu Ende gedacht.

Der Tagesspiegel vom 3. April 2008
OPERN-DOPPEL „Ihre Bohème“ und „La Bohème“
Neukölln vs. Mitte von Udo Badelt

Man könnte meinen, „La Bohème“ sei für Berlin geschrieben worden. Wohin könnte die Geschichte von den vier armen Künstlern, die Manuskripte verbrennen müssen, um ihr Dachzimmer zu heizen, heutzutage besser passen als in das Milieu des digitalen Prekariats von Kreuzberg oder Neukölln? Nach Paris? Da ist das Leben so erstickend teuer, dass die Bohème schon lange weitergezogen ist.

Der reine Zufall will es jetzt, dass mit der Neuköllner- und der Komischen Oper (Foto) gleich zwei Berliner Häuser im Abstand von drei Tagen Puccinis Werk auf die Bühne bringen und dem Publikum so die glückliche Situation bescheren, zwei verschiedene Regieansätze unmittelbar miteinander vergleichen zu können. Allerdings sind sich die Konzepte gar nicht so unähnlich. Beide fragen nach den Lebenswegen der Protagonisten und danach, was aus den jugendlichen Träumen von Freiheit und Kunst später einmal wird. Bei Rainer Holzapfel, der an der Neuköllner Oper bereits erfolgreich Orlando inszeniert hat, werden deshalb Schaunard, Rodolfo & Co. von älteren Sängern verkörpert. Sie blicken zurück auf ihre Karriere und rücken dabei Wert und Würde des Alters wieder ins rechte Licht. Für Andreas Homoki an der Komischen Oper müssen sich die Bohèmiens irgendwann entscheiden, ob sie ins Establishment drängen oder sich in ewiger Opposition lächerlich machen wollen. Auf fast leerer Bühne will er die Zeitlosigkeit des Themas deutlich machen, ähnlich wie Tobias Schwencke in Neukölln die Partitur für sieben Musiker arrangiert hat, um offen zu legen, wie sie emotional funktioniert. Einsparungen allenthalben. Auch das passt gut zu Berlin.

Der Tagesspiegel vom 6. April 2008
Junges Blut und altes Eisen
von Dorte Eilers

Mimì stirbt diesmal nicht. Nicht an diesem Abend in der Neuköllner Oper. Sie wird noch ein paar Jahre weitermachen, bis sie achtzig ist oder neunzig. Wird weiter zusehen, wie das Leben der anderen immer rasanter wird, während ihr eigenes dem Ende entgegenschlurft. Denn die junge, dahinsiechende Kranke aus Giacomo Puccinis Oper „La Bohème“ ist in Rainer Holzapfels Bearbeitung zur alten Dame geworden. In „Ihre Bohème“ (wieder am 6., 9., 12. April, jeweils 20 Uhr) haust Mimì (Gabriele Schwabe) mit Rodolfo (James Clark), Musetta (Renate Dasch), Marcello (Volker Schunke) und Colline (Eckhart Hedke) in einem Seniorenheim für ausgediente Sänger à la Verdis „Casa di Riposo per Musicisti“. Das Besondere: Fast keiner der Darsteller ist hier unter sechzig, so dass Rolle und Realität sich sanft vermischen. Mit diesem Projekt liegt die Neuköllner Oper voll im Trend der theatralischen Verarbeitung des Themas „Alter“. Dazu gehört, dass die Protagonisten des demografischen Wandels auf die Bühne zurückgeholt werden. Holzapfels Ansatz ist dabei nicht das prekäre Leben der Boheme, sondern die mit Mimìs Auftritt einsetzende Geschichte über die Vergänglichkeit des Lebens. Tobias Schwencke hat dafür Puccinis süßlich morbide, vom Vergangenen erzählende Musik auf Kammerensemblegröße (Leitung Kristiina Poska) ausgedünnt, wodurch sie mitunter so klingt, als habe sie ebenso wie die Sänger vierzig Jahre Bühnenerfahrung hinter sich. In diesem Seniorenheim, in dem Schaunard (Wieland Lemke) zum Zivi und Musettas eigentlich ältlicher Lover Alcindor (Dejan Brkic) zum Jungspund wird, rückt einem so die Geschichte über die Zeit, die am Ende noch bleibt, ganz nah.